Vom KZ-Friedhof zum Rhododendron-Park

Vom KZ-Friedhof zum Rhododendron-Park

Wie Lüneburg über seine Nazi-Verbrechen Gras wachsen ließ

Vorwort
Immer wieder haben sich einzelne Personen in der Vergangenheit mit der Geschichte von Lüneburgs „vergessenen Friedhöfen“ beschäftigt, ohne dass sie damit bei den Verantwortlichen der Stadt eine grundlegende Veränderung der Haltung gegenüber diesen Grabanla-gen erreichen konnten.
In den letzten Jahren rücken diese „vergessenen“ Friedhöfe verstärkt ins öffentliche Blickfeld – wobei diese Schrift zeigt, dass sie keineswegs gleichsam durch den natürlichen Lauf der Zeit „vergessen“ wurden, sondern die Erinnerung an ihre Toten gezielt ausgelöscht werden sollte.
Denn die dort Begrabenen sind Opfer der faschistischen Herrschaft in Lüneburg: Der „Russenfriedhof“, der „Friedhof der Heil- und Pflegeanstalt“, der „Judenfriedhof“ und der „KZ-Friedhof“.
Die wenigsten Lüneburger wissen heute um die Geschichte dieser vier Friedhöfe und haben sie – soweit das überhaupt noch möglich ist – selbst schon einmal aufgesucht. Das liegt sicher zum Teil daran, dass die Grabfelder bewusst außerhalb des engeren Stadtgebietes angelegt wurden, Hinweisschilder nur dürftig aufgestellt oder die Grabstellen (wie der jüdische Friedhof) öffentlich kaum zugänglich sind1. Weit effektiver und nachhaltiger wirkten dagegen die tatkräftigen Unter- drückungsmaßnahmen, mit der ehemals bekennende Nazis – und nicht nur sie – in den Jahrzehnten nach dem Ende ihrer Herrschaft die Erinnerung an die Opfer des Faschismus in Lüneburg auslöschen wollten. Denn mit dieser Erinnerung untrennbar verbunden war und ist die Frage, warum, auf welche Weise und von wem diese Menschen zu Tode gebracht bzw. ihre Gräber ge schändet wurden – und damit die Frage nach Schuld, Verantwortlichkeit und nach Lehren aus dieser schrecklichen Geschichte. Diesen Fragen wollten sich einflussreiche Kreise in Lüneburg keinesfalls stellen. Nach einem „kurzen Frühling des Antifaschismus“ (Bloch) in der unmittelbaren Nachkriegszeit erreichten sie eine Restauration alter Ansichten und Strukturen – und leisteten so ihren Beitrag zur „Zweiten Schuld“ (Giordano): der Verdrängung und Verleugnung des nationalsozialistischen Terrorsystems und deren Verbrechen gegen die Menschheit, die auch in dieser Stadt begangen wurden.
Das spiegelt sich auch und in besonderer Weise in der Geschichte des KZ-Friedhofs Tiergarten wider. Als Folge eines solchen Verbrechens auf Befehl der britischen Besatzungsbehörde entstanden, schafften es die Lüne- burger Verantwortlichen mit boshafter Energie, durch wiederholte Umbaumaßnahmen der Anlage ihren historischen Informationsgehalt und den bestatteten Opfern ihre Würde nahezu völlig zu nehmen: Dass deutsche Wachsoldaten vom 7. bis 12. April 1945 in Wilschenbruch wehrlose KZ-Häftlinge ermordeten, dass in dieses „Massaker“ auch städtische Dienststellen maßgeblich verwickelt waren – darüber wollten die Lüneburger Akteure buchstäblich Gras wachsen lassen.
Das Sterben der Tätergeneration öffnet nun hoffentlich auch in Lüneburg die Chance für eine Änderung dieser Politik. Bei Einweihung der Gedenkanlage für die Opfer der Nazi – „Euthanasie“ im August 2014 auf dem Nord- West-Friedhof beispielsweise bat Bürgermeister Eduard Kolle (SPD) um Verzeihung für die Schuld der Stadt Lüneburg, durch die viele der dortigen Kindergräber nach Ablauf der allgemeinen Frist gesetzeswidrig überbettet wurden. Oberbürgermeister Ulrich Mädge (SPD) weihte im März 2015 den Eisenbahnwaggon beim Museum als „Lernort zum Nach- und Umdenken“ ein in ausdrücklicher Erinnerung an den Häftlingszug und den Lüneburger „Massenmord“(Mädge) an den KZ- Gefan- genen im April 1945.2 Auf aktuellen Antisemitismus
und Fremdenhass zielend, sagte er: „Widerstand leisten, gegen- statt mitzulaufen – nicht jeder hat das gelernt. Mit Erinnerungsstätten wie dieser wollen wir dazu einen Beitrag leisten. Denn Anzeichen zu erkennen und Gefahren, die in ihnen liegen, dazu verhilft eine Auseinandersetzung mit unserer Geschichte. Geschichte, Gedenken, Mahnmale – sie vermitteln Erkenntnisse, die auch heute von Bedeutung sind…“