Franz Holländer – ein Kurzportrait

Franz Holländer wurde am 13.1.1904 in Hörde (Dortmund) geboren und wuchs als Sohn eines Bergarbeiters (Steiger) mit seinen Geschwistern in einfachen Verhältnissen in einer dortigen Bergarbeitersiedlung auf. Seine Mutter starb, als Franz sieben Jahre alt war. Nach der achtjährigen Volksschule besuchte er eine Gewerbliche Fortbildungsschule für ungelernte Arbeiter, arbeitete im Stahlwerk „Hörder Hütte“ und besuchte an der Dortmunder Volkshochschule Kurse in Geschichte und politischer Ökonomie.
Gemeinsam mit einigen seiner Brüder schloss er sich der „Wandervogel-Bewegung an“, dem Zweig der „Wanderscharen, Landfahrer und Freie Proletarischen Jugend“. 1923 lernten sie bei einem Treffen auf dem „Hohen Meisner“ Karl-August Wittfogel1 kennen, der dort über die politische Ökonomie vortrug. „Damit begann für sie die Entwicklung zu Kommunisten.“2
1925, nach einem Jahr „auf Wanderschaft“, kam Franz Holländer nach Lüneburg, ebenfalls seine Brüder Albert und August, die sich wie er hier politisch betätigten Auch sein Bruder Johann folgte ihnen. Franz H. arbeitete bei einer Sperrholzfabrik (wahrscheinlich bei der Firma IBUS), später als Bauhandwerker bei verschiedenen Firmen und wurde Leiter der Lüneburger Ortsgruppe der KPD. Hier war er besonders engagiert tätig im Kampf für die Arbeiterinteressen und gegen den aufkommenden Faschismus. Mehrfach wurde er politisches Ziel der Rechten, polizeilich vorgeladen zu Vernehmungen, inhaftiert, häufig wurden bei ihm Hausdurchsuchungen vorgenommen.
Am Tage nach dem Reichstagsbrand, die Polizei konfiszierte bei einer Hausdurchsuchung am 28.2.1933 seine Literatur, rechnete Holländer mit seiner Verhaftung, versteckte sich am selben Tage noch zunächst bei seinem Parteigenossen Jäger in der Kleingartenkolonie Breite Wiese und floh schließlich aus Lüneburg. Am 12.3.1933 wurde er in Bitter (Amt Neuhaus) entdeckt und festgenommen „wegen Aufforderung zum politischen Massenstreik und Vorbereitung zum Hochverrat.“ Diese Festnahmebegründung bezog sich auf den Versuch der KPD, mittels eines Generalstreiks die Machtübertragung an die Nazis zu verhindern. Über eine Versammlung der KPD am 4. Februar 1933, die von Franz Holländer angemeldet worden war, berichteten die Lüneburgschen Anzeigen am 6.2.1933: „Die am Sonnabendabend von der KPD einberufene Versammlung im Bahnhofshotel wurde schon vor Beginn von der Polizei aufgelöst, weil unter den Transparenten, die den Saalschmuck bildeten, sich eins befand mit einer Aufschrift, die eine verbotene Aufhetzung zu Gewalttätigkeiten darstellt …“ Dieses Transparent enthielt die Aufforderung „Politischer Massenstreik! Vernichtet die Hitler-Diktatur!“
Die Polizei verbrachte Franz Holländer, der am selben Tag (12.3.1933) bei den Gemeinderatswahlen mit seinem Genossen Walter Nieber in das Lüneburger Stadtparlament gewählt worden war (aber dieses Mandat nicht ausüben durfte), zunächst in das Gefängnis in Neuhaus, dann am 14.3.1933 in das Landgerichtsgefängnis Lüneburg und nahm ihn in Schutzhaft weil er, so die Lüneburger Polizei „in seiner Eigenschaft als 1. Vorsitzender der KPD wiederholt hier und in der Umgebung als Versammlungsleiter und Redner aufgetreten ist.“3 Zwar wurde Holländer vom o. g. Vorwurf freigesprochen, aber wegen einer eingelegten Revision der Staatsanwaltschaft blieb er weiterhin in Haft. Der Leiter der Lüneburger Staatsanwaltschaft, Oberstaatsanwalt Kumm, rügte in seinem Revisionsantrag, dass vom Gericht nicht festgestellt worden sei, dass es sich bei dem KPD-Transparent um einen vorsätzlichen Aufruf zum Massenstreik gehandelt habe, was einen Streik in lebenswichtigen Betrieben einschlösse, der verboten sei: „Insbesondere bei dem Angeklagten Holländer, der als Führer der Ortsgruppe der KPD bekannt ist und als überaus rühriger und geschickter Verfechter der Ziele seiner Partei auch in der Hauptverhandlung in Erscheinung trat, muss angenommen werden, dass er zumindestens mit bedingtem Vorsatz (als Mittäter) gegen die Bestimmung der erwähnten Verordnung gefehlt hat.“4 Auch als sich schließlich die Revisionsbegründung nicht aufrechterhalten ließ, wurde Franz Holländer nicht freigelassen. Die Lüneburger Polizeibehörde beantragte seine „Überstellung“ in ein Konzentrationslager,

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1 Vergl.: https://de.wikipedia.org/wiki/Karl_August_Wittfogel
2 Schreiben Karl-August Holländer (Sohn des August Holländer) v. 17.12.2017 an d. V.
3 Zitiert nach: G. Espelage, Das Männer-Konzentrationslager Moringen 1933 II: Selbstzeugnisse und Lebensspuren ehemaliger Häftlinge, Hrsg.: Deppe, Uwe / Spiwoks, Ralf (Geschichtswerkstatt Hardesgen), 1999, S. 106; unveröffentlichtes Manuskript, einzusehen in der KZ-Gedenkstätte Moringen
4 Revisionsantrag Oberstaatsanwalt Kumm v. 9.6.1933, vergl.: VVN-BdA Lüneburg: Lüneburg 1933. Widerstand und Verfolgung, Lüneburg 2004, S. 23 f
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nachdem er 5 Monate im Lüneburger Gerichtsgefängnis hatte zubringen müssen. Am 23.8.1933 wurde Franz Holländer in das KZ-Moringen verbracht.
Über seine Erfahrungen in Moringen berichtete er später: „Ich lag mit sieben weiteren Häftlingen auf einer Stube. Das Essen war nicht besonders. Als Schlafstelle hatte ich ein Feldbett … Das Lager wurde von SS-Leuten bewacht. Durch diese wurde ich des Öfteren misshandelt. Besonders nach der Rückkehr eines Teils der Wachmannschaft vom Reichsparteitag in Nürnberg wurde ich im August/September 1933 mittels Hundepeitschen schwer geschlagen. Ich hatte hiervon auf dem ganzen Körper blutunterlaufene Striemen und einige Platzwunden. Vorher musste ich, sowie die Mithäftlinge, alle Gefäße mit Wasser sowie Waschlappen und Tücher aus der Stube entfernen, um uns keine Möglichkeit zu geben, unsere Wunden zu kühlen.“5
Auch Franz Holländers zwei Jahre jüngerer Bruder Albert, Literaturobmann und Presseberichterstatter der Lüneburger KPD, versuchte in der zweiten Februarwoche 1933 seiner Verhaftung zu entgehen, flüchtete nach außerhalb, wurde aber bei Magdeburg entdeckt und festgenommen. Im März 1933 wurde er in das Lüneburger Gerichtsgefängnis eingeliefert, dort gefangen gehalten und am 30.8.1933 in das KZ-Moringen überstellt. Sein Bruder August, ebenfalls Aktivist in der Lüneburger KPD, hatte im März zunächst fliehen können, wurde aber im April d. J. in Schleswig-Holstein verhaftet, vor ein Itzehoer Gericht gestellt, verurteilt und – wahrscheinlich nach Beendigung seiner Haftzeit Anfang Juli 1935 – in das KZ Sonnenburg verbracht.6
Bei der Auflösung des Moringer-Männer-Konzentrationslagers wurden die Brüder Franz und Albert Holländer am 18.10.1933 in das KZ-Papenburg „überstellt“. Von dort wurden sie am 22.12. 1933 nach Lüneburg entlassen.
Am 20. Juli 1934 wurde Franz Holländer ein weiteres Mal verhaftet und gefangen genommen wie ebenfalls sein Bruder Albert (dieser am 6. d. M.) und 10 weitere seiner Genossen in einer Strafsache (Ermordung des Kaufmanns Bodendieck), die 1 ½ Jahre zurücklag, bereits eingestellt war und für die nun die Lüneburger Kommunisten ohne Beweise verantwortlich gemacht wurden.7 Als schließlich über ein Jahr später die Vorwürfe offensichtlich nicht mehr haltbar waren und auch dieses Verfahren eingestellt werden musste, wurde Franz Holländer am 20.6.1935 aus dem Gefängnis entlassen, sein Bruder nicht. Albert wurde an diesem Tag zur Gestapo nach Harburg „überstellt“. Auch andere in dieser Sache festgenommene Lüneburger Kommunisten wurden nicht entlassen, sondern in ein Konzentrationslager verbracht, wo sie bis mindestens 1943 verbleiben mussten.8
Die folgenden Jahre im Leben Franz Holländers sind nicht mehr genau rekonstruierbar. Sicher ist, dass er ein weiteres Mal verhaftet und in ein Konzentrationslager eingeliefert wurde, denn eine Effektenliste des KZ Börgermoor/Papenburg vom 21.4.1941 weist seinen Namen und sein Geburtsdatum aus. Wahrscheinlich wurde er dort zu diesem Zeitpunkt entlassen.
Anschließend fand Franz Holländer eine kurzfristige Arbeit als Notstands-, Forst- und Bauarbeiter bei verschiedenen Firmen der Region und bewirtschaftete seinen Kleingarten. Im September 1941 wurde er zur Kraftfahrabteilung der Wehrmacht einberufen, nach zweimonatigem Kriegseinsatz aber in seine Ersatzabteilung nach Bremen zurück beordert. Das Kriegsende und die ersten Nachkriegswochen erlebte er in Kriegsgefangenschaft.

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5 VVN-BdA Lüneburg: Die Staatspolizei Lüneburg II. Über das Leben und Sterben der Gestapo-Schutzhäftlinge des Landgerichtsgefängnisses Lüneburg, Lüneburg 2014, S. 40
6 Das Gefangenenbuch des Lüneburger Landgerichts vermerkt für den 2.7.1935 eine Aufnahme des August Holländer von außerhalb, für den folgenden Tag seinen „Abgang“ ohne Angabe einen Zielortes.
7 Vergl.: VVN-BdA Lüneburg: Lüneburg 1933. Widerstand und Verfolgung, Lüneburg 2004, S. 50 f und Raimond Reiter: Morden im Norden. Authentische Kriminalfälle, Leipzig 2011, S.62 ff
8 Hierauf bezieht sich ein Hinweis aus dem Urteil gegen den Gestapo-Mann Paul Frank vor der 4. Spruchkammer des Spruchgerichts Benefeld-Bomlitz v. 29.7.1947: „Er (Paul Frank, d.V.) hat nach seiner Darstellung nur einmal ein Konzentrationsleger besucht – und zwar war dies im Jahre 1943 … Er hat bei dieser Gelegenheit erfahren, dass sich mehrere Kommunisten, die im Jahre 1933 angeblich an einem Mord beteiligt gewesen sein sollen, noch im Lager befanden. Er wusste somit, dass diese Leute 10 Jahre lang in Konzentrationslager-Haft gehalten worden sind wegen des Umstandes, dass sie Angehörige der KPD waren.“ Bundesarchiv Koblenz, Z 42 II/1974
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Franz Holländer engagierte sich ab 1945 im örtlichen Komitee der NS-Verfolgten, nach deren Gründung in der Vereinigung der Verfolgten des Naziregimes (VVN), bei der FDJ 9, war Sprecher des Stadtjugendrings 10 und gleichfalls wieder aktiv für die KPD, für die er 1933 in den Rat der Stadt Lüneburg gewählt worden war. Wegen des von der KPD unterstützten Widerstandes gegen die von der englischen Besatzungsbehörde betriebene Anlagen-Demontage der ehemaligen Reichswerke in Salzgitter wurde er 1950 erneut verhaftet. Wegen „feindlichen Verhaltens gegenüber den alliierten Streitkräften“ wurde er vom Niedergericht der britischen Kontrollkommission in Lüneburg zu sechs Monaten Gefängnis verurteilt,11 die er im Gefängnis in Hannover absitzen musste.12 Noch vor der Haftentlassung F. Holländers stellte die englische Behörde die Demontage des für die Region lebenswichtigen Werkes im Januar 1951 ein. Mit der Übergabe eines Denkmals „Verhinderung der Demontage“ ehrte im Mai 2015 die Stadt Salzgitter in einem feierlichen Akt die Anti-Demontagekämpfer/-innen von damals.13
Franz Holländer betreute in der Folgezeit nach der Verabschiedung des 1. Strafrechtsänderungsgesetzes 1951 und dem KPD-Verbot 1956 jene Angeklagten vor dem Lüneburger Landgericht, die wegen ihrer politischen Tätigkeit vor Gericht standen und von dem alten nationalsozialistischen Justizpersonal vielfach verurteilt wurden. Auch half er in vielen Fällen seinen ehemaligen KZ-Häftlingskollegen in ihrem bürokratisch-komplizieren Kampf um Anerkennung und Entschädigung.
Nach Aufhebung der politischen Strafverfolgung 1968 gründete er die DKP in Lüneburg und nachdem eine Tätigkeit für die VVN wieder erlaubt war, wurde er deren Vorsitzender am Ort. Fortan widmete er sich der Erinnerung an den antifaschistischen Widerstandskampf, war beteiligt an den Aktionen zur Errichtung einer Gedenkstätte auf dem Gelände des früheren Konzentrationslagers Bergen-Belsen und zu jener Zeit einer der Wenigen am Ort, die an die faschistische Vergangenheit Lüneburgs erinnerten. Ein besonderes Anliegen war ihm der „KZ-Friedhof Tiergarten“. Zu einer Zeit, als das „Massaker von Lüneburg“ der Apriltage 1945 in bewusste Vergessenheit geraten war, lud er mit der VVN dort zu Erinnerungs- und Gedenkveranstaltungen ein.
Franz Holländer wurde zu einem gefragten Gesprächspartner der Lüneburger Jugend. Er berichtete auch in Schulen insbesondere über den Lüneburger NS-Widerstand und unterstützte z. B. eine Schüler/-inneninitiative der damaligen Hauptschule Kaltenmoor bei ihrem Versuch, ihrer Schule den Namen „Batholomäus-Schink-Schule“ zu geben.14 Leider scheiterte die Realisierung dieses Vorhabens an der Ablehnung durch die politischen Instanzen der Stadt.
Bis ins hohe Alter war Franz Holländer in der Öffentlichkeit politisch präsent. Samstag für Samstag, bei Wind und Wetter, verkaufte er in der Bäckerstrasse Zeitungen, sammelte Unterschriften und wich keiner Diskussion aus. Bei allen gegen Alt- und Neonazis gerichteten Aktivitäten war Franz Holländer dabei.
Er prozessierte über Jahrzehnte erfolglos um eine Anerkennung seiner Entschädigungsansprüche als Nazi-Verfolgter. Ein letztes Mal wurde seine Klage am 19.2.1974 abgewiesen.
Nach seinem alters- und gesundheitlich bedingten Ausscheiden als Kreisvorsitzender wählte ihn die Lüneburger VVN/BdA zu ihrem Ehrenvorsitzenden. Franz Holländer starb am 23. April 1985 in Lüneburg.
Lüneburg, August 2019

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9 Siehe Lüneburger Post v. 23.10.1945
10 Siehe LZ v. 25.2.1950
11 LZ v. 19.10.1950
12 Vergl.: Kurt Fritsch, Walter Timpe: Gefängnis-Tagebuch, Essen 2003
13 Salzgitters Oberbürgermeister Frank Klingebiel in seinem Grußwort zur Übergabe des Denkmals „Verhinderung der Demontage“ am 20. Mai 2015: „Die Arbeiterschaft und die gesamte Bürgerschaft Salzgitters hatten durch ihren Widerstand die Hütte und damit die Stadt gerettet … Den Menschen, die damals mit Leib und Seele für eine Zukunft dieser Stadt – zum Teil unter Einsatz ihres Lebens – gestritten haben, gebührt noch heute unser großer Dank und unsere Anerkennung!“; https://www.salzgitter.de/rathaus/downloads/Rede_zur_Uebergabe_des_Denkmals_2015.pdf; Juni 2019
14 Vergl.: LZ v. 6.6., 12.6., 14.6. und 19.6.1985. B. Schink war Angehöriger der Köln-Ehrenfelder Edelweißpiraten. „Er wurde im Alter von 16 Jahren gemeinsam mit zwölf weiteren Gruppenmitgliedern am 10. November 1944 in der damaligen Hüttenstraße in Köln ohne Prozess von der Gestapo öffentlich am Galgen hingerichtet … 1984 würdigte ihn die Gedenkstätte Yad Vashem als Gerechten unter den Völkern.“ Heute trägt im Kölner Stadtteil Ehrenfeld eine Straße seinen Namen. https://de.wikipedia.org/wiki/Barthel_Schink; Juni 2019