Neue Schrift der VVN Lüneburg jetzt verfügbar

  Diese Familiengeschichte nahm eine furchtbare Wende, weil sie sich während des deutschen Faschismus zutrug: Ruth war eine junge Frau, die von den Nazis als „Jüdin“ definiert und rassistisch verfolgt wurde, ihr Partner Heinrich als „Rassenschänder“. Die Autoren zeigen die Bedrängnis, in die das Paar durch die NS-Rassengesetze geriet, ihre Flucht von Ort zu Ort, um den Verfolgern zu entkommen, ihre zunehmende Verarmung dabei und ihre Betrügereien, um der Entdeckung wenigstens für einige Zeit zu entgehen. Die Broschüre nennt aber auch die Ursachen dieser Verfolgung: Den Rassismus der Nationalsozialisten und ihre „Nürnberger Gesetze“ als Voraussetzung, Schutzhaft, Gestapo und Konzentrationslager als Instrumente zur Liquidation der jungen Mutter, Richter und Staatsanwälte zur Exekution der Nazi-Politik in „Rassenschandeverfahren“ der Justiz gegenüber dem nichtjüdischen „tatbeteiligten“ Vater.

  Ebenso wie über die Nazi-Opfer der Familie Salomon/Kistner berichtet die Schrift über das perfide Bemühen der Herren Emmermann, Severin, Finke, Kumm und Kliesch als Richter und Staatsanwälte am Lüneburger Landgericht, den von ihnen als „Rassenschänder“ ausgemachten Heinrich Kistner zur Strecke zu bringen.
Als „Vergangenheit, die nicht vergeht“ musste Heinrich Kistner die Zeit nach der Befreiung 1945 erleben: Seine einstigen Peiniger am Lüneburger Landgericht wurden für ihre Justiz-Verbrechen nicht zur Rechenschaft gezogen. Sie befanden sich sogar weiter als honorige Persönlichkeiten des Lüneburger Bürgertums, jetzt zu „Demokraten“ mutiert, in ihren alten Ämtern. In dieser Atmosphäre einer selbstdefinierten Schuldlosigkeit der Lüneburger Tätergemeinschaft stieß das Bemühen Kistners auf Anerkennung als NS-Opfer auf größte Schwierigkeiten, denn eine solche Rehabilitierung bedeutete zugleich das Eingeständnis einer Täterschaft und die Benennung der Täter.

  Als einen der Haupttäter im Fall Kistner identifizieren die Verfasser Landgerichtsrat Dr. Carl Emmermann. Er führte den Vorsitz im „Rassenschande“-Prozess im Juni 1940 und verurteilte Kistner zu 2 Jahren Zuchthaus. Sein beruflicher Aufstieg und seine richterliche Tätigkeit als Nazi-Jurist am Lüneburger Landgericht wird in der Schrift ebenso geschildert wie sein Wiedereinstieg nach 1945 in gleicher Funktion – nun hier tätig ausgerechnet als Vorsitzender der Entschädigungskammer am Landgericht. Jetzt verhinderte er im Zusammenspiel mit seinen früheren NS-Justizkumpanen, dass Heinrich Kistner in den 1950er Jahren eine nennenswerte finanzielle Entschädigung für das ihm in der Nazizeit gerade auch von Carl Emmermann angetane Unrecht erhielt. Der Richter selbst profitierte dagegen finanziell immer noch von seinen NS-Verbrechen: Seine Zeiten als richterlicher Nazi-Täter wurden ihm als Dienstaltersvergütung auf sein Richtergehalt hinzugerechnet.

  Die Veröffentlichung der Lüneburger VVN-BdA versteht sich als ein Beitrag zur Aufdeckung der unheilvollen Rolle der Lüneburger Justiz während des NS-Regimes. Darüber hinaus weist sie auf die Restaurationsphase der kleinstädtischen Nachkriegsgesellschaft hin, ein bislang wenig beachtetes Kapitel der Lokalgeschichte.

  Die Broschüre ist in Lüneburg zum Selbstkostenpreis von 5,00 Euro erhältlich im Cafe Avenier, Katzenstraße, oder auf Rechnung zum Preis von 7,00 Euro (incl. Porto) zu bestellen unter
vvn-bda-lueneburg@vvn-bda-lg.de.

Lüneburg, Oktober 2021, VVN-BdA-Lüneburg